Sattelgeflüster

Eine persönliche Liebeserklärung ans Fahrradfahren, Fotografieren – und an fantastische Eiscremen.

Bohemian Gravel-Trip: Du wolltest Abenteuer…

Während unserer Radreise nach Rom bin ich auf den Geschmack von Schotterstraßen gekommen. Vor allem auf den berühmten Strade Bianche. Und ich wollte mehr. Mehr von diesem Gefühl der Freiheit und mehr von dieser Abgeschiedenheit. Dann, durch einen Zufall, erfuhr ich von einem Gravel Ultra Race – dem Bohemian Border Bash (*). Die Fotos der Strecke haben mich in den Bann gezogen. Pures Gravel-Vergnügen mitten durch den böhmischen Wald. 

Nach einem kurzen Blick auf Google Maps stellte ich fest: so weit ist das eigentlich nicht entfernt. Also begann ich, mich über die Routenführung zu informieren und vor allem über die Passagen, die zumeist durch den Wald verlaufen. Und schon habe ich mir mein eigenes dreitägiges Solo Bikepacking-Abenteuer zusammengestellt. Drei Tage mit jeweils mehr als 70 Prozent Schotteranteil – eine Mischung aus Paradies und Herausforderung. 

„Da geht’s wirklich lang?“

Zwei Wochen später saß ich schon im Zug Richtung Oberösterreich. Mein Canyon Grail vollbepackt – vor allem mit Snacks, da ich unterwegs oft lange keine Möglichkeit habe, meine Vorräte aufzufüllen. Meine Route startet in Freistadt. Die Luft ist noch kühl, doch an diesem Septemberwochenende zeigt sich der Spätsommer von seiner besten Seite. 

Mit dem Zug nach Freistadt, dann ab in Richtung Grenze!

Schon bald verlasse ich die asphaltierte Hauptstraße und starte Richtung unbefestigte Wege. Und auch in die erste hike a bike section. Ich sehe eine Rampe vor mir. Auf der Wiese erkenne ich den Pfad und staune, als Garmin meint, da geht’s jetzt lang. Selbstbewusst trete ich los und komme ein schönes Stück voran, bis ich aus dem Rhythmus komme und absteige. Doch schon bald kann ich wieder weiter pedalieren und denke mir still: „Du wolltest Abenteuer, also bekommst du jetzt auch Abenteuer“. 

Garmin sagt: Da geht’s lang. Anfangs glaube ich das nicht immer…

Anfangs haben mein Garmin und ich so unsere Differenzen. Ein Solo Bikepacking-Trip heißt auch, die Karte selbst zu lesen und zu deuten. Im Normalfall übernimmt diesen Part mein Mann. Wenn wir anstehen, findet er die Lösung. Aber jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Ganz so dramatisch ist es natürlich dank Google Maps nicht. Ich finde meinen Weg, und mit jeder Unsicherheit in der Route werde ich selbstbewusster. Während ich über Felder fahre, nimmt die Kraft der Sonne zu. Manchmal fahre ich kilometerweit am Schotter, andere Abschnitte sind einfach kleine Treppelpfade neben der Straße. 

Mit jeder Unsicherheit in der Route werde ich selbstbewusster!

Kurz nach Bad Leonfelden geht es dann ab in den Wald. Das wollte ich ja auch. Skeptisch bin ich nur, weil der Pfad nicht einmal als Wanderweg ausgeschildert und nur schwer erkennbar ist. Aber wie es so schön heißt: „in Strava we trust“. Es dauert nicht lange, bis ich mit dem Gravelbike nicht mehr vorankomme. Ich stehe mitten im Nirgendwo, weiß, dass es keine andere Umfahrung gibt. Kein Signal. Einmal kurz durchatmen und auf das Bauchgefühl hören. Also folge ich dem kleinen Pfad auf meinem Garmin-Computer. Schiebend. Bergauf. Über Stock und über Stein. 

Einige Abzweigungen später bin ich zumindest auf einem breiteren Waldweg, der allerdings aufgrund der Steigung und der vielen Unebenheiten nicht zu befahren ist. Ich brauche wohl doch ein Mountainbike, denke ich mir. „Hoffentlich geht das nicht den ganzen Tag so“, ist mein zweiter Gedanke. Doch sobald ich wieder fahre, drängen sich die Unsicherheiten in den Hintergrund und ich genieße es, die Strecke völlig für mich alleine zu haben. Der Grenzübergang nach Tschechien ist unauffällig und unspektakulär. Ich komme zu einer Anhöhe, wo ein Windrad steht. Zuerst passiere ich ein deutsches Schild, wenig später ein tschechisches, das auf mögliche Gefahren hinweist. Wie einfach ich hier die Landesgrenze überqueren kann, lehrt Demut. Ein Privileg, das all jene, die es mit mir teilen, sich viel öfter vor Augen führen sollten. 

Über Wiesen, Wald und Felder

Allein mit meinen Gedanken – und einer traumhaften Landschaft.

Es geht noch eine Weile auf Pfaden mit einigen Wurzeln entlang. Abschnittsweise schiebe ich immer wieder. An einer Lichtung angekommen, mache ich Halt und verbringe meine Mittagspause mit Blick auf die Landschaft. Der Moment gehört nur mir, ich treffe hier kaum auf andere Menschen. Nach einigen weiteren Kilometern durch den Wald erreiche ich den Moldau-Stausee und damit auch wieder Asphalt. Am See entlang verläuft eine herrliche Straße in bestem Zustand, und ich freue mich, einmal nicht überlegen zu müssen, ob ich nach der nächsten Abzweigung absteigen muss. Es geht schon bald wieder über Wiesen, Wald und Felder. Mal ist der Wald dichter, mal lichtet er sich. Das Licht wird immer wärmer und der Herbst zeichnet sich im bunter werdenden Laub ab. Zwischen dem Moldaustausee und Nové Údoli begegne ich ein paar weiteren Fahrradfahrern. Ansonsten bin ich alleine mit meinen Gedanken. Wenn ich sie abschalten kann, höre ich nur den Schotter unter meinen Laufrädern und den Wind, der durch die Baumkronen weht. Auf der Höhe des Grenzübergangs bei Haidmühle finde ich einen kleinen Duty Free Laden – perfekt, um meine Trinkflaschen und meine Snackvorräte vor dem letzten Stück aufzufüllen. 

Neben mir ein Bach und rundherum Wald, soweit das Auge reicht.

Gut gestärkt geht es in den Endspurt des Tages. Eines der Highlights beginnt, als ich in Strážny wieder auf den geschotterten Radweg abbiege. Es ist genau so friedlich, wie ich mir das vorgestellt habe. Neben mir fließt ein Bach, um mich herum Wald, soweit das Auge reicht. Auf meinem Garmin sehe ich, dass vor mir ein kleiner See liegt, den ich in der Routenplanung nicht bemerkt habe. Es wird langsam spät, aber nachdem es kein Umweg ist, biege ich ab. Und bin sofort überglücklich, das getan zu haben. Für einen Moment vergesse ich, ob ich in Schweden oder in Tschechien bin.

Nach 115 Kilometern und 1860 Höhenmetern endlich im Zimmer angekommen!

Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt. Das Gras rund um den See ist in goldenes Abendlicht getränkt. Ich stelle mein Rad ab, mache gefühlt 500 Fotos und genieße den Augenblick ganz alleine für mich. Das ist das Schöne an einem Solo Bikepacking Trip. Der Moment gehört nur dir. Du kannst ihn und deine Freude trotzdem mit deinen Liebsten teilen. Sie in Gedanken mit auf die Reise nehmen. Aber in diesem Moment zählen nur deine Bedürfnisse. Für mich heißt das vor allem: sobald ich etwas sehe, das ich fotografisch festhalten möchte, bleibe ich stehen. Ich überlege nicht, ob das jetzt einmal zu viel ist. Ob ich damit mein Weiterkommen aufhalte. Ob es sich auszahlt. Denn meistens habe ich das Motiv dann ohnehin schon verpasst. Neben der Freiheit, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, ist das für mich ein ebenso befreiendes Gefühl. 

Langsamer als geplant…

Erleichterung macht sich breit, als ich meine Bleibe für die Nacht erreiche. Eine kleine Unterkunft, in der ich dankenswerterweise Halbpension bekomme und mich so nicht mehr selbst um ein Abendessen kümmern muss. Mein Rad darf ich sicher im versperrten Schuppen abstellen. Die Dusche ist wohltuend. Auch wenn ich durch den Wald immer wieder im Schatten bin, bringt mich die Strecke ganz schön ins Schwitzen. Ich habe 115 Kilometer und 1860 Höhenmeter in den Pedalen. Bei in etwa 70 Prozent Anteil an Schotterpassagen spüre ich meine Arme mehr als meine Beine. Mit jeder Abfahrt werde ich sicherer und traue mir mehr zu. Dennoch merke ich, dass ich insgesamt natürlich langsamer unterwegs bin – das habe ich zugegebenermaßen unterschätzt. Deshalb mache ich mich auch gleich daran, die morgige Route etwas umzuplanen. Ich wollte von meinem Tagesziel aus noch eine große Schlaufe fahren und wäre dann bei einer Strecke von rund 130 Kilometer. Gemeinsam mit meinem Mann plane ich die Route landschaftlich attraktiv auf 112 Kilometer um, sodass die Uhr mein Freund bleibt und nicht zum Feind wird. Das Abendessen ist herrlich deftig, die Gastgeber sind sehr freundlich und leihen mir ein Akkukabel für mein Handy, da meines einfach den Geist aufgegeben hat. Das ist wieder eines der Learnings. Wenn du alleine unterwegs bist, solltest du zumindest für dein Handy ein zweites Kabel mithaben. Ich bin froh, dass ich eine Lösung gefunden habe und hoffe, morgen auf ein Geschäft zu stoßen, das Akkukabel für iPhones verkauft. Dass mein Körper Erholung benötigt, merke ich daran, dass ich keine fünf Minuten zum Einschlafen benötige. 

Die Ruhe, die wir nicht mehr kennen

Es ist kalt, der Nebel zieht über die Felder – aber schon nach ein paar Pedaltritten wird mir warm.

Obwohl die Unterkunft mitten in der Natur liegt, hält mich der Geräuschpegel, den die anderen Gäste verursachen, teilweise wach. Ich kämpfe mich frühmorgens aus dem Bett. Frühstück gibt es erst um 8 Uhr – aber Warten kommt aufgrund meiner langen Route nicht in Frage. Die Inhaber sind jedoch sehr bemüht und haben mir ein Frühstückspaket hergerichtet, sodass ich gestärkt loslegen kann. 

Nach einem Caffè fährt sich’s gleich viel leichter durch den Wald.

Es ist noch herrlich frisch und der Nebel zieht über die Weiden. Mir selbst ist allerdings nicht lange kalt, denn schon bald geht’s bergauf, und nicht nur meine Begeisterung, sondern auch mein Puls steigt rasant an. Nach dem Anstieg bin ich plötzlich in einem verlassenen Waldabschnitt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das Fahren hier erlaubt ist. Doch ich traue Garmin und sehe auch keinen anderen Weg. Es ist so ruhig, dass mir das Rauschen der Blätter im Wind schon fast Furcht einflößt. Ich drehe mich immer wieder um, da ich glaube, es sind andere Fahrradfahrer hinter mir. Ich glaube, diese Art von Ruhe sind wir gar nicht mehr gewöhnt. Mindestens genauso wenig sind wir es gewöhnt, keinen Handyempfang zu haben. Nicht erreichbar zu sein. In gewisser Art, auf sich alleine gestellt zu sein. Dem Bauchgefühl zu vertrauen – genau das lerne ich auf diesem Trip und wachse damit an meinem Selbstvertrauen. Die morgendliche Herbstsonne steht tief und beschert mir einige Fotomotive. In Modrava gelange ich zurück zu mehr Infrastruktur und finde mich in einem kleinen Kaffee wieder. Erstmal Pause – bei herrlichem speciality coffee und selbstgemachtem Banana Bread. Ich bin hier nicht mehr alleine – der Ort scheint Ausgangspunkt für viele Outdoor Aktivitäten zu sein. Umso mehr schätze ich die verlassenen Abschnitte entlang meiner Route. 

Die Schuhe sind weg? Vor dieser Kulisse ist auch das ganz und gar egal!

Wo sind meine Schuhe?

Habt ihr auch schon mal am Straßenrand einzelne Schuhe gesehen und euch dann gefragt, wie sowas passiert? Ich stell mir diese Frage seit meinem Tschechien Abenteuer nicht mehr, denn mein einzelner Turnschuh ziert jetzt die Weiten des böhmischen Waldes. Als ich bemerkt habe, dass ich nur mehr einen Schuh dabeihabe, bin ich über eine Wiese mit einigen Mulden gefahren. Ich habe die Umgebung vergebens abgesucht. Die Erschütterungen müssen meiner – für mich sicheren – Befestigungstechnik zugesetzt haben. Jeglicher Ärger darüber ist verflogen, als ich an der Vydra entlangfahre. Der Fluss schlängelt sich zwischen Nadelbäumen und goldig gefärbten Wiesen hindurch. Es geht angenehm und geht meist flach und daher zügig dahin. Mit Ausnahme von 48463388 Fotostopps.

Ehe ich mich versehe, befinde ich mich wieder im dichten Wald und an der Stelle, deren Foto mich zu diesem Trip inspiriert hat. Es ist eine kleine Senke im Wald. Der Schotter geht bergab und am anderen Ende wieder bergauf. Rundherum dichter Nadelwald. Nur, dass bei mir heute die Sonne scheint und auf dem Foto, das ich gesehen habe, alles in einen mystischen Nebel getaucht ist. Es geht, mal subtiler, mal weniger subtil, hinauf. Und mit jedem Pedaltritt begegnen mir hier mehr Menschen – vor allem Mountainbiker und Wanderer. Einige lächeln mir motivierend entgegen. Auf dem Schotter geht es mitunter recht rasant hinab und ich muss gut darauf achten, keine Fußgänger zu übersehen. Wieder komme ich an einem abgelegenen See vorbei, bevor ich in Železná Ruda eintreffe. Hier werde ich heute nächtigen, möchte aber davor noch eine weitere Schlaufe mit dem Rad ziehen. Doch vorerst plündere ich den Supermarkt und bin heilfroh, ein Akkukabel und einen Platz im Schatten zu finden. Der zweite Part meiner Strecke verläuft nicht mehr ganz so abseits. Oft fahre ich an asphaltierten Nebenwegen und merke wesentlich mehr vom Autoverkehr.

„Das schaffst du locker!“

Mein nächstes Ziel ist der Černé jezero. Die Anfahrt ist etwas tricky, da hier heute ein Lauf stattfindet. Doch ich darf passieren und genieße oben in der Sonne den Blick auf den See. Weiter geht’s zum Čertovo jezero – denke ich zumindest. Die Auffahrt ist steil, der Seeblick bleibt aus. Überall treffe ich auf Sicherheitspersonal aufgrund des Laufes. Eine Mitarbeiterin meint, dass der Weg für mein Bike zu holprig ist – mich trennt noch etwa ein Kilometer vom See. Ich müsste dort bergab, wo mir Läufer bergauf entgegenkommen, ich habe kein passendes Schuhwerk, um mein Fahrrad auf diesem Untergrund bergab zu schieben und entscheide mich, gleich zum Nýrsko-Stausee weiter zu fahren.

Supermarkt geplündert – das gibt Kraft für die nächsten Kilometer!

Ein weiteres Learning: man sollte sich vielleicht vorher ansehen, ob man zu dem Stausee zufahren kann bzw. ob man einen schönen Blick aus der Nähe bekommt. Einige kleine Chat GPT-Recherchen später bin ich dann letztlich zu der Staumauer vorgefahren und habe es Gott sei Dank nicht bereut. Doch mein eigentliches Highlight war eine Dame, die mir aus der anderen Richtung entgegenkam. Ich fragte sie, ob man denn über diesen Radweg wieder zurück nach Hamry und Železná Ruda kommt. Nachdem sie das bejaht hatte und meinte, dass der Weg viel schöner und ruhiger ist, hat sie mir noch gesagt, dass es ziemlich stark bergauf geht. Und fügte dann noch hinzu: „Aber das schaffst du locker“. Und diese Worte einer Fremden haben mir nochmal sehr viel Kraft für den letzten Abschnitt meiner Strecke gegeben. Es geht eine ganze Weile bergauf, dafür auf bestem Asphalt und umgeben von dichtem Wald. Und schon bald finde ich mich in der Abfahrt Richtung Železná Ruda und kehre direkt beim Italiener ein. Einmal im Hotel eingecheckt, stand nur mehr eine ausgiebige Dusche und Nachtruhe am Programm. 

Einfach über die Grenze fahren dürfen

Ich brauche länger als geplant. Kein Wunder, wenn hinter jeder Ecke tolle Motive warten…

Tag 3 beginnt quasi noch in der Nacht. Oder zumindest fühlt es sich so an. Železná Ruda schläft jedenfalls noch. Ich brauche Kaffee. Aber auch die Besitzer der Kaffeehäuser schlafen noch. Also ab zur nächsten Tankstelle, dort finde ich eine wohltuende Brühe, aber leider nicht das frische Croissant, von dem ich geträumt habe. Stattdessen gibt es einen Riegel zum Frühstück und ehe ich mich versehe, rolle ich los. Die Luft ist noch frisch, als ich die Grenze nach Deutschland überquere. Wieder keine Kontrollen. Kein Aufruhr. Ich passiere, aber es passiert nichts. Es ist ein Privileg, so unkompliziert in ein anderes Land einreisen zu dürfen, denke ich. Schon bald fahre ich immer tiefer in den Bayerischen Wald und bin fasziniert, welche Wege hier als Radwege deklariert sind. Es ist genau diese Stille und dieses mitten im Wald fahren, nach dem ich mich gesehnt habe. Das Morgenlicht ist einzigartig. Mein Körper ist noch nicht so richtig aufgewärmt – und ich freue mich umso mehr, als mein Garmin die Nachricht „Anstieg vor dir“ anzeigt. Ich bin gefangen zwischen einer tiefen Demut über die wohltuende Stille und der Suche nach einem Frühstück, also die Suche nach ein bisschen Zivilisation. Ich habe schon fast alle meine Riegel gegessen. Es dauert noch bis Grafenau, inzwischen steht die Sonne höher und vor mir leuchtet das Schild einer Tankstelle wie das Licht am Ende des Tunnels.

Wälder, Wiesen, Seen – und Passau (und Pasta) als nächstes Ziel vor Augen!

Balsam für die Seele

Die Stärkung und die Pause in der Sonne waren Balsam für die Seele. Schon bald befinde ich mich am Ufer der Ilz, neben mir fließt idyllisch das Wasser. Hier treffe ich auch immer wieder auf Spaziergänger oder andere Radfahrer. Auf dem Weg befinden sich immer wieder ziemlich kurze, aber knackige Rampen und es geht wortwörtlich über Stock und Stein. Immer wieder befinde ich mich kurz auf asphaltierten Straßen. Plötzlich treffe ich auf eine Straßensperre – ausgerechnet, weil gerade ein lokales Fahrradrennen stattfindet. Vor mir fährt ein Vater mit seiner Tochter. Sie fragen, wo ich hinfahre, und bieten mir an, mich ein Stückchen mitzunehmen. Das nehme ich dankend an und verlasse mich auf ihre Navigation. Der Herr fährt mit voller Motorleistung seines E-Bikes bergauf. Ich trete mächtig in die Pedale, um an seinem Hinterrad zu bleiben. Ich kämpfe mich vor. Als ich endlich wieder dran bin, bin ich froh mich ausrasten zu können. „Papa, ein bissl schneller kannst schon fahren“, ruft die Tochter über meine Schulter. Ich leide heimlich, als er wieder Fahrt aufnimmt. Ich bin dankbar über die Begleitung, aber auch froh, als ich wieder alleine in meinem Rhythmus fahren kann. 

Vom Böhmischen Wald geht’s direkt hinein in den Bayerischen Wald.

Mittlerweile ist es ziemlich heiß geworden. Wieder rettet mich eine Tankstelle, dank freundlicher Bedienung und einem eiskalten Cola. Ich checke nochmal die Route für den Endspurt. Jetzt habe ich mein Ziel vor Augen: Passau, oder eigentlich die l’Osteria-Filiale in der Innenstadt. Die Stadt begeistert mich schon beim Einfahren. Doch mein Fokus liegt auf einem riesengroßen Teller Pasta mit Tomatensoße. Und einem eiskalten Soda-Citron. Erschöpfung und Stolz machen sich breit. Rund 330 Kilometer und 5540 Höhenmeter, mehrheitlich auf Schotter, habe ich in den Beinen. Drei Tage voller Anstrengung und Stille liegen hinter mir. Mir bleibt noch etwas Zeit, und ich schlendere durch die Stadt und raste meine Beine auf einer Bank am Ufer der Donau aus. Ich würde diese Strecke jedem empfehlen. Mitten durch den Böhmischen und Bayerischen Wald. Dort findest du nur Ruhe und im besten Fall über weite Strecken nicht einmal andere Menschen. Dieses kleine Gravel-Abenteuer hat mich Vieles gelehrt.

330 Kilometer in aller Ruhe und ganz allein durch den Böhmischen und Bayerischen Wald.

Hör auf deinen Bauch!

Oft gibt man Verantwortung unbewusst ab, wenn man zu zweit oder in einer Gruppe fährt. Wenn jemand anderes die Streckenplanung übernimmt, ist das natürlich bequem. Gleichzeitig habe ich mich dabei erwischt, an meiner eigenen Fähigkeit, eine machbare und fahrbare Strecke zu planen, zu zweifeln. Und habe mich sozusagen selbst eines Besseren belehrt. Gab es Abschnitte, wo ich dachte, ich komme nicht mehr weiter? Ja. Aber sie haben mich gelehrt, die Ruhe, die ich mitten im Wald gefunden habe, widerzuspiegeln. Ich habe nur eine Option: auf mein Bauchgefühl zu hören, und das hat mich letztlich ans Ziel gebracht. Und am Ende des Tages war es auch wieder eine Lehre, auf sich selbst und seine Fähigkeiten zu vertrauen. Wir alle sind viel stärker, als wir glauben. Und unsere Beine können uns weiter tragen, als wir glauben. 

Die Etappen im Detail

Etappe 1: von Freistadt nach Knížecí Pláně
Streckendetails: 115 km; 1.868 Höhenmeter; 7h16min Fahrtzeit
https://www.strava.com/activities/15866954976

Etappe 2: Von Knížecí Pláně nach Železná Ruda
Streckendetails: 112 km; 2.164 Höhenmeter; 7h42min Fahrtzeit
https://www.strava.com/activities/15878414225

Etappe 3: Von Železná Ruda nach Passau
Streckendetails: 106 km; 1.509 Höhenmeter; 6h28min Fahrtzeit
https://www.strava.com/activities/15888721622

(*) BOHEMIAN BORDER BASH 2026

Das Bohemian Border Race ist ein vollständig selbstversorgtes Ultra-Distanz-Radrennen durch die böhmischen Grenzregionen Mitteleuropas.
Start ist am 5. September 2026 bei Sonnenaufgang, Zielschluss am 12. September bei Sonnenuntergang. Die Strecke führt über 1.420 Kilometer, dabei sind 25.290 Höhenmeter zu bewältigen.

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